29.11.2012 dradio: Schulstunde zum Flughafenverfahren

29.11.2012 dradio Kultur: Workshop Asyl
Amnesty International und Schauspieler Benno Fürmann zu Besuch in einer Kreuzberger Schule

Seit fast einem Monat protestieren Flüchtlinge vor dem Brandenburger Tor und traten zum Teil in einen Hungerstreik. Sie fordern Änderungen im deutschen Asylrecht. Auch an Schülern ist das Thema nicht unbemerkt vorbei gegangen.
Als Benno Fürmann an der Seite von Franziska Vilmar, der Amnesty-Asylrechtsexpertin, das Klassenzimmer betritt, ernten beide einen kleinen Applaus, aber dann geht es sofort um Fragen, die die Klasse vorbereitet hat. Ganz oben auf der Liste steht ein Begriff, den die Schüler oft gelesen, aber nie verstanden haben: „Was ist ein Flughafenverfahren?“ wollen sie wissen. Das stamme noch aus einer Zeit, als die Asylbewerberzahlen sehr hoch waren, erklärt Franziska Vilmar von Amnesty International.

„Im Moment sind in Flughafenverfahren ein paar Hundert noch im Jahr. Die haben verkürzte Rechtschutzfristen und die Gefahr, dass diese Leute zurückgeschoben werden in ein Land, in dem ihnen Folter, Todesstrafe oder so etwas droht, die ist im Flughafenverfahren durch die verkürzten Rechtschutzfristen erhöht.“

Schauspieler Benno Fürmann sitzt neben den Schülern am Arbeitstisch und meldet sich.

„Das widerspricht eigentlich der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die wir in Deutschland und ganz viele andere Länder als Resultat des Zweiten Weltkrieges, des Faschismus unterschrieben haben. Da steht, jeder Mensch hat das Recht in einem Land Asyl zu suchen. Leute werden aber daran gehindert. Und das ist das Problem.“

Wie sehr das Thema Menschenrechte dem Schauspieler am Herzen liegt, merkt man, als es um die Fluchtursachen geht. „Warum fliehen die Menschen überhaupt?“ will Workshopleiterin Franziska Vilmar von der Klasse wissen.

„Warum würdet Ihr Euer Land verlassen?
Vielleicht Krieg.
Wenn ich nicht frei leben darf, also, meine Menschenrechte ausführen kann, oder so.
Verfolgung aufgrund ethnischer Herkunft.
Was ist ethnisch?
Ethnisch, wie soll man das sagen? Wenn Deine Herkunft, nimm einen Kurden in der Türkei. Das ist eine ethnische Herkunft. Ich komme gerade aus dem Süd-Sudan. Im Süd-Sudan kämpfen verschiedene Ethnien gegeneinander. Da geht es um alte Stammesfehden, da geht es darum, dass die Dinka die Murle nicht mögen. Das sind verschiedene Stämme, die einander den Kopf abhacken. Das sind Verfolgungen aufgrund von ethnischen Herkünften. “

Die Kreuzberger Gymnasiasten wollen nicht nur erfahren, aus welchen Gründen Menschen ihre Heimat verlassen, sondern auch, welchen Flüchtlingen Asyl gewährt wird und welchen nicht; wer abgeschoben wird und warum – und ob das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Betroffenen in der Anhörung Chancen für ein faires Asylverfahren öffnet. Benno Führmann, der zusammen mit den Kreuzberger Gymnasiasten den ganzen Tag die Schulbank drückt, ist von den Schülern begeistert.

„Ich merke, die sind wach und ich merke, die sind dran und ich möchte erreichen, dass diese jungen Leute hier verstehen, dass wir die Menschenrechte immer wieder einfordern und verteidigen müssen. Und, dass wir dafür sorgen müssen, dass diese Rechte jedem Menschen gewährt werden. “

Viele Schüler haben den Hungerstreik der Flüchtlinge vor dem Brandenburger Tor verfolgt und empfinden Sympathie mit deren Forderungen. Nun konfrontiert die Amnesty-Expertin sie aber damit, dass die Rechtslage es nicht zulässt, alle Forderungen der Flüchtlinge zu erfüllen.

„Sie haben auch gefordert, deswegen konnte sich Amnesty da auch gar nicht anschließen, Anerkennung aller hier Asylsuchender als politische Flüchtlinge. Das habe ich ja vorher einmal erklärt, warum das so nicht funktioniert. Und, sie haben gesagt, keine Abschiebungen mehr. Auch das ist etwas, was mit dem deutschen Recht so nicht geht.“

Und so erfahren Sourour Guizani und Sewa Tastan, dass ihr Mitgefühl für die Flüchtlinge sich nicht umstandslos in politisches Handeln umsetzen lässt. Daran haben die beiden Mädchen zu knacken.

„Die grenzt ja immer noch Leute ab. Also, bei jedem ist es, glaube ich, schlimm. Ich glaube, sie meint wohl damit, dass wir uns das so vorgestellt haben, dass wirklich alle Flüchtlinge aufgenommen werden, aber es gibt ja immer noch Regeln. Hat vielleicht auch alles seinen Grund. Aber ist schon so etwas traurig.“

Elena Müller, deren Eltern sich auch für Belange von Flüchtlingen einsetzen, beurteilt den Workshop positiv.

„Ich fand es eigentlich ziemlich interessant, also ich habe auch viele Sachen erfahren, die ich jetzt zum Beispiel noch nicht wusste. Ich fand es ziemlich gut.“

Mehr als 50 Prozent dieser Kreuzberger Schüler stammen aus Einwandererfamilien. Das Thema des Workshops wurde ihnen nicht von den Lehrern angeboten. Sie haben es sich selbst ausgesucht.

http://www.dradio.de/aktuell/1935241/ >
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